Wo Dortmund einen See anlegte, ließ Leipzig die Hallen stehen

Zuletzt aktualisiert am 14. September 2026

Dortmund kennt die Aufgabe genau: ein Stahlstandort fällt weg, fast hundert Hektar liegen brach, und die Stadt muss entscheiden, was darauf entstehen soll. Leipzig stand vor derselben Aufgabe, zur selben Zeit und mit einem ähnlich abrupten Ende der Industrie. Die beiden Antworten könnten unterschiedlicher kaum ausfallen, und beide sind heute besichtigbar.

Das Stahlwerk, das zu einem See wurde

Auf Phoenix-West gingen 1998 die Lichter aus, auf Phoenix-Ost lief die letzte Schicht 2001. Es sind zwei getrennte Areale, und das mit dem See ist Phoenix-Ost, rund 96 Hektar groß.

Die Antwort war Wasser. Die Flutung des Phoenixsees begann 2010, im Mai 2011 wurde er der Öffentlichkeit übergeben. Der See ist etwa 24 Hektar groß, rund 1,2 Kilometer lang in West-Ost-Richtung und gut 300 Meter breit. Ein Viertel des ehemaligen Werksgeländes ist damit heute Wasser.

Aufschlussreicher als die Fläche ist die Tiefe. Im Mittel liegt sie bei 2,8 Metern, die tiefste Stelle erreicht 4,6 Meter.

Knapp drei Meter im Mittel. Das ist die Zahl, die den Charakter des Projekts erklärt.

Ein so flaches Gewässer ist kein See im landschaftlichen Sinn, sondern ein gestaltetes Element mit dauerhaftem Pflegebedarf. Was Dortmund gebaut hat, ist eine Adresse. Wohnlagen mit Wasserblick, Gastronomie am Ufer, ein Naherholungsraum, der von der ersten Stunde an fertig aussah. Das war ausdrücklich gewollt und es hat funktioniert.

Plagwitz verlor fast neunzig Prozent seiner Industriejobs

In Leipzig-Plagwitz sah der Ausgangspunkt ähnlich aus und der Absturz war steiler. 1989 gab es im Stadtteil noch etwa 13.000 Industriearbeitsplätze. In ganz Leipzig waren es rund 80.000, jeder sechste hing also an diesem einen Stadtteil. Bis 1995 schrumpfte die Zahl in Plagwitz auf 1.500, ein Rückgang um 88 Prozent. Zurück blieben rund 200.000 Quadratmeter Industriebrachflächen, also etwa 20 Hektar.

Die Leipziger Antwort war kein Bagger, sondern Untätigkeit mit Absicht. Die Hallen blieben stehen.

In den Hallen der Baumwollspinnerei arbeiten heute Galerien und Ateliers

Die Leipziger Baumwollspinnerei, 1884 gegründet, wuchs binnen 25 Jahren von 30.000 auf 240.000 Spindeln und damit zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas. Im Drei-Schicht-Betrieb arbeiteten hier bis zu 4.000 Menschen, nach dem Zweiten Weltkrieg zu rund achtzig Prozent Frauen. 1989 waren es noch etwa 1.650. Anfang 1993 endete die Garnproduktion, bis 2000 lief mit rund 40 Beschäftigten noch die Reifenkordfertigung, dann war Schluss.

Heute sitzen auf den zehn Hektar vierzehn Galerien und über hundert Künstlerateliers, dazu das Kunstzentrum HALLE 14, die Theaterspielstätte Residenz und das LuRu-Kino. Nicht weit entfernt steht die Sächsische Wollgarnfabrik, das größte Industriedenkmal Deutschlands, seit 1999 zu Lofts umgebaut. Insgesamt hat sich in Plagwitz ein rund 90 Hektar großes Flächendenkmal der Industriearchitektur erhalten.

Vierzehn Galerien an einem Tag, die Wollgarnfabrik am zweiten

Der Unterschied lässt sich nicht auf Fotos beurteilen, weil er im Maßstab liegt. Die Spinnerei öffnet dienstags bis samstags von 11 bis 18 Uhr, Spinnereistraße 7 in Leipzig-Lindenau. Vierzehn Galerien in einem Rundgang füllen einen Tag, die Wollgarnfabrik und das Umfeld den zweiten.

Innerhalb von Plagwitz sind die Wege zu Fuß machbar. Aus der Innenstadt fällt die Strecke dagegen an beiden Tagen zweimal an. Mit einer Unterkunft Leipzig im Westen der Stadt entfallen diese vier Wege.

Wichtig ist die Reihenfolge. Wer zuerst den Phoenixsee im Kopf hat und dann nach Plagwitz kommt, sieht vor allem Unfertigkeit. Umgekehrt sieht man am See vor allem, wie viel Substanz für eine gestaltete Oberfläche geräumt wurde.

Was kann Dortmund von Plagwitz noch lernen?

Beide Städte haben bekommen, was sie bestellt hatten. Dortmund hat Wohnwert und ein Bild, das sich in einem Satz erklären lässt. Leipzig hat Mietflächen für Nutzungen, die keine Neubaumieten zahlen können, und damit eine Szene, die sich nicht bestellen ließ.

Der Preis ist jeweils der andere Gewinn. Der See hat die Halden und die Hochöfen von Phoenix-Ost gekostet, die Spinnerei hat zwei Jahrzehnte Ungewissheit gekostet.

Offen ist die Frage auf dem anderen Areal. Phoenix-West umfasst 115 Hektar und ist damit deutlich größer als der Seestandort, und dort steht der Bestand noch: die Hochöfen 5 und 6, die nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen sind, der fast 80 Meter hohe Hoesch-Gasometer und die Gasgebläsehalle von 1937 auf einem Grundstück von gut 13.000 Quadratmetern. Für deren Neunutzung hat die Stadt ein Investorenverfahren eröffnet. Ob am Ende die freien Flächen daneben bebaut oder die vorhandenen Hallen wie in Plagwitz vermietet werden, entscheidet mehr über die nächsten zwanzig Jahre als jede Gestaltungssatzung.

Foto: Wolfgang Weiser / Unsplash

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